Ich freue mich, euch heute den ersten Gastbeitrag auf meinem Blog präsentieren zu dürfen. Viel Spaß damit!

Volker Schmidt, systemischer Paartherapeut und Autor von „untervögelt – Macht zu wenig guter Sex uns hässlich, krank und dumm?“, schreibt über die Auswirkungen eines glücklichen Sexuallebens auf unsere Gesundheit, unsere Attraktivität und sogar unsere Intelligenz und Sozialkompetenz. Und lädt uns ein, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse gewisse Prioritäten in unserem Leben von Grund auf neu zu überdenken.

Weit mehr als nur „die schönste Nebensache der Welt“: Es wird Zeit, dass wir unsere Sexualität ernst nehmen.

Die Sache mit dem Sex ging wahrscheinlich in der Geschichte der Evolution kein anderes Tier jemals so kompliziert an wie wir Menschen. Alle anderen Tiere, alle Pflanzen und Pilze tun es einfach. Sie tun es zwar im Schnitt eher ziemlich selten, und sie tun es meist ziemlich stereotyp, aber sie tun es doch, soweit wir es überblicken können, ohne sich groß darüber Gedanken zu machen. Wir Menschen sind da anders.

Wir müssen wohl leider der traurigen Tatsache ins Auge sehen, dass „ziemlich selten, und wenn, dann stereotyp“ höchstwahrscheinlich ziemlich nah dran ist an dem, was auch für viele von uns „ein ganz normales Sexualleben“ ist. Unser sexuelles Potenzial jedoch steht auf einem ganz anderen Blatt.

Kein anderes Wesen, das je auf der Erde lebte, hat in Sachen Sex jemals eine solche Vielfalt an Praktiken, Stellungen und Spielarten hervorgebracht wie der Mensch. Kein anderes Wesen, soweit wir wissen, hat jemals so viele Wege ersonnen und praktiziert, sich selbst und seinen Nächsten nicht nur Lust zu bereiten, sondern diese zu steigern und auszudehnen, wie unsere Art.

Zugegeben, das gilt in dieser euphorischen Form nicht zwingend für jedes einzelne Individuum, dessen Sexualleben sich im Laufe unseres Weges für eine kürzere oder längere Zeit mit dem unseren vermischt. Wer bereits mehrere Sexualpartner*innen im Leben hatte, der weiß, da kann man durchaus Glück oder Pech haben. An dieser Stelle geht es nicht um traurige Einzelschicksale. Hier geht es mir um unser Potenzial. Und das ist ganz offensichtlich schier gewaltig.

Auch wahr ist: Ebenso erfindungsreich, wie wir Menschen darin waren, die Weiten unseres Lustempfindens auszuloten, waren wir im Laufe unserer Zivilisationsgeschichte darin, diese machtvolle, archaische Kraft zu diskreditieren, zu begrenzen und zu sabotieren. Die Verstümmelung kindlicher Genitalien ist sicherlich der widerlichste Ausdruck dieses Kreuzzugs gegen die Lust, eher skurrile Auswüchse sind Keuschheitsgürtel, Masturbationskäfige (beide inzwischen nur noch als Fetisch üblich) und Vollverschleierungen (regional teils noch verbreitet).

Hierum jedoch geht es heute nicht. Oder nur am Rande. Gute Argumente schließlich, davon bin ich überzeugt, haben Macht.
Hier und heute geht es um unsere Lust und darum, was sie mit uns macht, wenn wir ihr in unserem Leben Raum geben.

Was also macht Sex mit uns?

Guter Sex hält uns gesund! Es ist wissenschaftlich belegt: Je häufiger wir miteinander Sex haben, desto besser gerüstet ist unsere körpereigene Immunabwehr. Der stattfindende Bakterienaustausch trägt ebenfalls (keine gravierenden Krankheiten vorausgesetzt) zur Stärkung unseres Immunsystems bei. Herzinfarkt und Schlaganfall treten bei Menschen, die häufig Sex haben, statistisch signifikant seltener auf. Für verschiedene Arten von Krebs wurde ein ähnlicher Zusammenhang festgestellt. Aber nicht nur die ganz großen Plagen, auch die kleinen Unbilden des Alltags werden eingedämmt: Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen, sogar bei Migräne konnten die positive Auswirkungen eines lustvollen Liebeslebens nachgewiesen werden.

Guter Sex macht uns schön! Wer schon mal Sex hatte, der weiß, dass dieses Spiel miteinander durchaus sportliche Facetten haben kann. Wir bewegen uns in Positionen, die wir im sonstigen Alltag zumeist eher nicht einnehmen. Das dehnt unseren Körper, hält ihn geschmeidig und fit. Der beim Sex angekurbelte Lymphfluss beschleunigt den Abtransport von Schadstoffen und Abfällen aus den Zellen. Östrogen und Testosteron haben nicht nur den bekannten Effekt der Luststeigerung, sondern darüber hinaus auch eine sehr erfrischende Wirkung auf Muskulatur, Haut und Haare. All das ist inzwischen gut untersucht.

Guter Sex macht uns klug und sozialkompetent! Dies ist der vielleicht erstaunlichste Effekt eines aktiven Sexuallebens. Wir werden klüger dadurch. In meinem Buch zitiere ich eine Studie an Ratten und zwei an Menschen, die eben dies dokumentieren. Ebenfalls hocherstaunlich: Das Hormon Oxytozin, das beim Sex, zumindest bei gutem Sex, geradezu durch unseren Körper sprudelt, steigert unsere Fähigkeiten im sozialen Umgang auch mit Menschen außerhalb unseres Schlafzimmers geradezu drastisch.

Guter Sex festigt unsere Liebe! Wer häufigen und vor allem erfüllenden Sex mit seinem Partner oder seiner Partnerin erlebt, ist nachweislich zufriedener mit dem Beziehungsleben, dem Partner gegenüber wohlwollender und geneigter, Dinge zu tun, die diesem/dieser gut gefallen. Hier scheint es sich interessanterweise ganz offensichtlich um einen recht positiven Bumerangeffekt zu handeln…

Das, was ich hier in vier Absätzen beschrieben habe, umfasst in meinem Buch ein paar Dutzend Seiten. Es lässt sich jedoch ebenso in einen einzelnen Satz fassen. Dieser lautet:

Sex, guter Sex, nährt und stärkt so ziemlich alles, was wir im Allgemeinen für gut und wertvoll, für richtig und wichtig halten.

Selbst für jene, die uns Menschen wirklich als Abbild eines Schöpfergottes sehen, sollte angesichts der vorliegenden wissenschaftlichen Belege klar werden, dass Sex, sollte es so etwas wie einen Gott geben, in dessen (oder deren) Augen so ziemlich das Gegenteil einer Sünde sein dürfte. Sex macht uns klüger, schöner, freundlicher und verändert unser Leben. Wenn es so etwas wie einen göttlichen Wink mit dem Zaunpfahl geben könnte, was käme dem näher als dies?

Sex ist allerdings auch, anders, als manche Wissenschaftler glauben, weit mehr als nur ein Trieb. Sex ist mehr als ein Relikt animalischer Reiz-Reaktions-Schemata. Obwohl diese selbstverständlich weiterhin eine Rolle spielen, sei dies zu unserem Ärgernis oder aber durchaus auch zu unserer Freude. Wer weiß, wie, kann sich die alten Bahnungen unseres Gehirns sogar zunutze machen, um dem eigenen Sexualleben mehr Feuer und auch mehr Ehrlichkeit zu verleihen.

Hat unsere Sexualität den Rang eines Bedürfnisses verdient? Das würde bedeuten: Wenn wir ihm nicht zumindest hin und wieder nachgingen, würden wir zwangsläufig erst darben, dann kranken und schließlich sterben. Unter dieser scharfen Definition des Begriffs „Bedürfnis“ wird klar: Es muss sich beim Sex um etwas anderes handeln. Ich glaube nicht, dass Sex ein Bedürfnis ist. Was ich jedoch glaube, ist, dass kaum etwas anderes, das wir Menschen tun können, in der Lage ist, derart viele körperliche wie psychische Bedürfnisse auf einmal zu erfüllen wie richtig guter Sex.

Guter Sex erfüllt unsere Bedürfnisse nach dem Empfinden von Wirksamkeit, von Freiheit und Intensität, darüber hinaus von Anerkennung und Verbundenheit. Und natürlich haben wir rein körperlich ein Bedürfnis nach Berührung und Körperkontakt mit Artgenossen. Auch auf dieser Ebene nährt uns guter Sex auf ganz natürliche Weise.

Nochmal zur Erinnerung: Immer, wenn wir die Haut eines anderen Menschen berühren, wandern Bakterien von einer Haut zur anderen. Am dichtesten sitzen sie in unseren Poren. Unsere Körperflüssigkeiten sind für die winzigen Mitbewohner in uns nichts anderes als ihr angestammter und vertrauter Lebensraum. Wenn wir miteinander schlafen, uns aneinander und aufeinander reiben, eintauchen ineinander und uns überall küssen, tauschen Hunderte von Milliarden winziger Lebewesen ihren Wirt. Das ist nicht nur nicht ekelig, sondern hochgradig immunstärkend und gesund.

Die wissenschaftlichen Belege, die ich vorlege, zeigen überdeutlich: Sex ist bedeutend mehr als nur „die schönste Nebensache der Welt“. Ein erfülltes und erfüllendes Sexleben belebt und bereichert unser Leben auf so vielen Ebenen, dass wir uns vielleicht ernsthaft der Frage stellen sollten:

Achte ich gut genug auf meine eigene Sexualität? Halte ich sie lebendig? Pflege ich sie gut und gebe ich ihr das, was sie braucht, damit sie nicht nur überlebt, sondern gar gedeiht?

Diese persönliche Frage kann nur jeder und jede von uns für sich selbst beantworten. Meine Antwort allerdings, das kann ich sagen, die habe ich gefunden. Und bei dem, was sie mir seither beschert hat, werde ich ihr mit Sicherheit noch lange treu verbunden bleiben.

Volker Schmidt (2019)

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